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Gibt es eine Karriere auf dem Bauernhof, Madeleine?

Als ich Madeleine Becker in Kärnten besuche, fühlt es sich nicht nach Arbeit an, sondern – seien wir ehrlich – nach Urlaub. Die Sonne strahlt, auf den Hügeln liegt noch Schnee und es riecht wunderbar nach Bauernhof. Schnell schlüpfe ich in ein paar große, grüne Gummistiefel, die Madeleine mir anbietet, und folge ihr direkt in den Stall. Ich bin gerade passend zum mittäglichen Ausmisten und Füttern gekommen. Die Kühe geben den Takt des Tages vor.

Mit großen Bewegungen schwingt Madeleine durch den kleinen, dunklen Stall, erst mit dem Besen, dann mit der Mistgabel in der Hand. Routiniert kehrt sie Streu zusammen, teilt Futter aus, streckt kurz die Hand aus, um eine Kuh zu streicheln. Sie kennt die Eigenheiter jeder Kuh. „Suzette hat es immer besonders eilig“, grinst sie und verteilt das Futter vor den Tieren.

Dann stellen wir die Gummistiefel im Flur ab und laufen in dem Bauernhaus die knarzenden Treppen nach oben. Dort wohnt Madeleine mit ihrem Freund Lukas. Seinen Eltern gehört der Hof und der Campingplatz nebenan.

Eine vegane Milchbäuerin

Madeleine hat nicht nur die meiste Arbeit auf dem Hof übernommen, sondern ist gleichzeitig auch Teil der Familie geworden. Vor einem anderthalben Jahr hat sich ihr Leben um 180 Grad gedreht. Jetzt sind die Kühe ihr Alltag – und das, obwohl sie selbst nicht einmal Milch zu sich nimmt. Denn Madeleine lebt größtenteils vegan.

Ich wusste nur, was ich nicht wollte

2018 neigte ihr Geschichts-Master in Jena, Thüringen, sich gerade dem Ende zu. Einen Plan für die Zeit danach hatte Madeleine allerdings noch nicht. „Ich wusste nur, was ich nicht wollte“, erzählt sie, „nämlich an der Uni oder in irgendeinem Archiv arbeiten.“ Ihre Noten hätten eine wissenschaftliche Karriere durchaus hergegeben. Den Bachelor hatte sie mit 1,2, den Master mit 1,5 abgeschlossen. Trotzdem war ihr die Vorstellung, immer im Büro zu sitzen, ein Graus.

Allein auf Roadtrip

Im September 2018 entschied sie, alleine auf einen Roadtrip zu gehen: „Ich wollte gucken, ob ich das kann.“ Um den Einstieg zu erleichtern, wollte Madeleine im deutschsprachigen Raum beginnen – in Österreich. Da war sie ein paar Jahre zuvor schon mit ihrem damaligen Freund gewesen, auf einem Campingplatz an einem Bauernhof. „Dort wollte ich anfangen und eigentlich nur eine oder zwei Nächte bleiben.“

Immer dabei

Letztlich blieb sie zwölf Nächte auf dem Campingplatz. Sie freundete sich mit der damaligen Pächterin an, ging mit ihr reiten, half im Stall mit. „Ich war immer dabei“, erzählt sie, „irgendwann habe ich sogar mal mit der Familie gegrillt. Das war krass, aber superschön.“ So schön, dass Madeleine im Dezember noch einmal wiederkam. Mit einem Mal hatte der Bauernhof in Österreich einen Platz in ihrem Jenaer Studentinnenleben bekommen. Im Dezember blieb sie zehn Tage auf dem Hof. Diesmal war die Arbeit härter: im Stall war viel zu tun, es war dunkel und kalt. Nicht Madeleines Jahreszeit. Trotzdem würde sie wiederkommen.

Der Ort, an dem du das letzte Mal glücklich warst

Im Januar 2019 trennte sich ihr damaliger, langjähriger Freund von ihr. So richtig gut fing das neue Jahr für Madeleine also nicht an. Sie erzählt: „Eigentlich ist so ein Quatsch nicht mein Ding, aber ich hatte damals einen Podcast zum Thema Liebeskummer gehört. Da haben sie gesagt: Geh zurück an den Ort, wo du das letzte Mal richtig glücklich warst.“ Das letzte Mal richtig glücklich war sie auf dem Hof in Österreich gewesen.

Also fuhr Madeleine Ende Januar wieder in die Berge. Diesmal für unbegrenzte Zeit. Sie blieb anderthalb Monate – und fuhr nur nach Hause, um im Mai direkt wiederzukommen. Diesmal für ein bezahltes Praktikum. Und, um sich unersetzbar zu machen. Denn im Sommer verließ die Pächterin den Hof und Lukas‘ Vater musste übernehmen – obwohl er jahrelang in die alltäglichen Arbeiten auf dem Hof nicht eingebunden gewesen war. „Er kannte damals die Eigenheiten der Kühe nicht mehr so richtig, ich aber schon“, sagt Madeleine. „Damit war klar, dass ich ganz bleibe.“ Im Oktober zog Madeleine endgültig ein.

Arsch auf Eimer

Die Frage, ob sie auf dem Hof bleiben wolle, habe sich irgendwann gar nicht mehr gestellt, sagt Madeleine. Später habe sie sich gefragt, wann sie eigentlich die Entscheidung getroffen habe, zu bleiben. „Aber wahrscheinlich“, sagt sie, „ist das die beste Variante: wenn man gar nicht drüber nachdenken muss, sondern einfach macht. Weil es passt wie Arsch auf Eimer.“

Ihr Umfeld sei anfangs teilweise skeptisch gewesen. Mit dem Umzug nach Österreich hat Madeleine Freunde verloren. Ihr Vater habe sich zu Beginn Sorgen gemacht, dass sie ihr Potenzial verschenke. Mittlerweile versteht er die Entscheidung besser. Madeleine will langfristig auf dem Hof bleiben. Bei den Tieren, in den Bergen, bei ihrem Freund, bei seiner Familie, die jetzt auch zu ihrer geworden ist. Sie sagt das mit fester Stimme. Sagt, dass sie hofft, dass nichts dazwischen kommt. Sie mag ihr Leben hier draußen. 

Die Arbeit mit Tieren, sagt sie, könne einem viel zurückgeben. „Die Kühe erkennen dich, kommen zu dir, wollen liebkost werden. Das sind winzige Dinge, aber für mich wiegen sie schwer“, sagt Madeleine. Körperlich zu arbeiten, gefällt ihr. So könne sie sehen, was sie geschafft habe.

Mit den Bergen um sich fühle sie sich immer beschützt. Und auch die Mentalität der Menschen gefalle ihr. Alle seien per Du miteinander, entspannt und entschleunigt. „Es gibt hier keinen Leistungsdruck. Man muss keine besten Verkaufsleistungen haben.“

Anstrengend, aber ohne Leistungsdruck

Das gilt auch für sie selbst. Mit ihrer Entscheidung, auf dem Hof zu arbeiten, hat Madeleine sich teilweise dem gesellschaftlichen Leistungsdruck entzogen. Da macht es ihr wenig aus, dass es im Supermarkt auf dem Dorf kaum vegane Produkte gibt. Oder dass sie ihr Hobby Feldhockey aufgeben musste, weil es in der Nähe keine Mannschaft gibt.

„Manchmal, wenn ich hier draußen in der Sonne stehe, die Kälber sind auf der Wiese, die Hühner gackern und mein Freund kommt angerannt – dann habe ich wirklich Angst, aufzuwachen.“

Für einen Bauernhof verantwortlich zu sein, ist aber auch anstrengend. Das erste Mal in den Stall muss Madeleine jeden Tag kurz nach sechs. Dann macht sie sauber, füttert alle Tiere, schließt die Melkmaschine an. Das alles dauert knappe zwei Stunden. Über den Tag muss sie sich immer wieder um die Tiere, den Hof, den Stall und im Sommer auch um den Campingplatz kümmern.

Das bedeutet auch, immer da zu sein, immer auf Abruf. Wenn man auf einem Bauernhof lebt und arbeitet, lassen sich Arbeit und Privatleben schwer trennen. Die Tiere warten nicht, sie bestimmen Madeleines Tagesrhythmus. Pausen gibt es darin nicht. Normalerweise. Madeleine aber hat nach einigen Verhandlungen jetzt mittwochs immer frei. „Wenn ich sieben Tage die Woche durcharbeite, werde ich grantig“, sagt sie und lacht.

Ein zweites Leben online

Madeleine verdient nicht nur mit der körperlichen Arbeit auf dem Hof Geld. Sie hat außerdem seit drei Jahren einen sehr gut laufenden Instagram-Account, auf dem sie fast täglich etwas postet.

„Ohne Insta würde mir schon echt etwas fehlen“, sagt Madeleine. Der Account ist für sie ein Ausgleich zum Hofleben und eine Möglichkeit, zu schreiben und sich kreativ auszuleben.

„Außerdem ist es immer schön, Feedback zu bekommen“, sagt sie. Natürlich sei ihre Instagram-Followerschaft kein Ersatz für einen Freundeskreis, „aber es ist ein schönes Gefühl, dass unter den 20.000 garantiert immer einer ist, der mir zuhört.“

Seit neuestem schreibt Madeleine außerdem an einem Buch. Ein Verlag ist über Instagram auf sie aufmerksam geworden. Ein sehr glücklicher Zufall – denn ein Buch zu schreiben, war schon immer ihr Traum:
„Als ich die Mail gelesen habe, habe ich erstmal vor Freude in der Milchkammer laut geschrien.“

Die Nachteile des Dorflebens

Ihr Umfeld in Österreich hat sich bisher nur wenig für ihr Schreiben und für ihren Instagram-Account interessiert. Langsam wächst das Interesse. Insgesamt hat Madeleine aber auf dem Dorf immer noch mit Klischees zu kämpfen: „Ich werde ganz oft brav, lieb oder hübsch genannt“, sagt sie – „was ich nebenher mache oder ob ich was im Kopf habe, spielt hier keine große Rolle.“

Aber durch ihre Arbeit im Stall habe sie sich auch schon Anerkennung verdient. „Anfangs hat mein Chef, Lukas‘ Papa, noch alles besser gewusst. Aber nach einer Weile hat er dann sogar zu seinen Kumpels gesagt: ‘Seit die Lena da ist, ist der Stall sauberer als zu meinen Zeiten.’ Darüber habe sie sich gefreut.

Trotzdem sagt Madeleine: „Ich würde den Hof nie selbst pachten oder führen. Wahrscheinlich würde ich einen Spendenaufruf starten und einen Gnadenhof draus machen.“ Sie lacht.

Dann wird sie wieder ernst. Sie trinkt die Milch, die auf dem Hof produziert wird, nicht. Aber wahrscheinlich, sagt sie, werden nie alle Menschen vegan leben. Dann sei es besser, wenn deren Milch wenigstens von Bio-Kleinbetrieben produziert würde.

Als ich mit der Recherche für "gretchenfragen" begonnen habe, war ich schon länger eine von Madeleines Followerinnen auf Instagram. Ich habe aus der Ferne verfolgt, wie ihre Beziehung in die Brüche ging, wie sie sich nach Österreich aufmachte und wie sie schließlich dort blieb.

Die ganze Zeit habe ich mich gefragt, woher sie den Mut für all diese krassen Entscheidungen nimmt: Alleine und potenziell langfristig nicht nur in ein anderes Land, sondern auch aus der Stadt mitten ins tiefste Dorf zu ziehen und vor allem – die akademische Karrierewelt hinter sich zu lassen, ihre Studienabschlüsse zu ignorieren und etwas völlig Neues zu machen. Madeleine Becker zeigt, wie ein Leben aussehen kann, in dem der Lebenslauf keine Rolle spielt.

Ich habe Madeleine am 24. Februar 2020 in Kärnten auf dem Bauernhof getroffen. Das Porträt gibt den Stand wieder, den ihr Leben zu diesem Zeitpunkt hatte.

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